Gemeiner Astroturf // Moral von der unendlichen Geschichte 3

Gemeiner Astroturf// Moral von der unendlichen Geschichte 3

DIE CHRONIKEN über Social Media ist … ! gehen in das fünfte Jahr. Gestern feierten wir den dritten Geburtstag meiner Nichte, I.C. Ihr Vater bekam kurz zuvor ein Tablett geschenkt. Und bedauerlicherweise bin ich Angesicht seiner Experimentierfreude nicht mehr so recht davon überzeugt, dass man Kleinkinder vom eDingsda fernhalten kann. Sobald sich Erwachsene in der Gegenwart ihrer Kinder für eDingsda begeistern können, weckt es ihre unbescholtene Neugier. Hier zeigt sich die aus der Biologie bekannte Nachfolgeprägung – Entenvater schreitet voraus, die Küken trotten instinktiv hinterher.

Es mag noch recht verniedlicht klingen, das I. C. bereits die einschlägigen Bedienungselemente für Bild- und Videowiedergabe erkennt und zu deuten weiß. Doch wenn man sich eine funktionierende Kindersicherung für seine eigenen Kinder wünscht, nimmt man unter Dreijährige nicht mit zum Einkaufen in einen Megastore – die manuelle Kindersicherung beginnt allerorts und noch vor einem Touch-Erlebnis.

Unwissentlich wurde I. C. so zu einem Spielball der Internetwirtschaft. Wahrscheinlich war es das funkelnde Glitzern des Tabletts, das I. C. in einen Bann zog. Sie tippte einfach auf ein ihr bekanntes Symbol und schon hatte sie die Aufmerksamkeit eines künftigen Silversurfer-Ehepaares geweckt. Die Silversurfer-Ehefrau blickte zwar verwundert drein, aber optimistisch sprach sie folgende Worte zu ihrem noch skeptischen Ehemann: „Siehst Du, wenn die kleine Dreijährige das können, dann können wir das auch!“
Also wer soll hier wem noch etwas vormachen, früher oder später, überzeugen sie uns alle.

Auch ich – der so böse schreibende Onkel J. – der es besser wissen sollte, hat jede Menge Fotos vom Geburtstag geschossen und sich entschlossen, sie auf einem Heimnetz zu speichern.

Nichtdestotrotz wehre ich mich gegen die allgegenwärtige Gefahr einer technischen Bevormundung oder kognitiven Selbstverstümmelung. Ich gebe mich nicht damit zufrieden, nur dann meinen Grips einzuschalten, sobald irgendein eDingsda eingeschaltet wird oder mich der stetigen Auferlegung zu beugen, selbst für die Sicherheit meiner Privatsphäre ständig aufs Neue Vorsorge treffen zu müssen. Vergebens habe ich in den vergangenen Jahren nach einer verlässlichen Default-Einstellung gesucht, denn meine persönliche Einstellung half mir weder in der Gegenwart noch vertraue ich auf die Zukunft.
Aber auch die sozialen Medien und andersartige Netzwerke sind Pfade, die ich beschreiten und bestreiten muss, wenn ich nur einen kleinen Anteil der Welt so etwas wie Menschenverstand einbleuen will, seuftz. Notfalls kann ich meine Geräte gewissermassen von der Netzdose abziehen. Aber selbst dann, wenn ich mich dazu verleiten ließe, würde ich zuvor noch meine Daten in einer Zeitkapsel sichern wollen und meinen Aberglauben in meinem Testament für die Überlebenden speichern.

Gemeiner Astroturf // Verlog_en verboten!

Gemeiner Astroturf

Verlog_en verboten!

Dieses Kapitel widme ich meiner Cousine M.C., die ich nur wenig kenne. Verwandtschaftsgrade waren bis dato nicht so mein Ding. Aber dies tut weder jetzt noch im sozialen Verwandtschaftskreisen etwas zur Sache. Ups, und schon wi_der ist es passiert und steht im Internet. So sehr auch soziale Netzwerke in der Lage sind automatisch verloggen und frohloggen können, seinen Nächsten und Übernächsten noch ein wenig mehr kennenzulernen – tue ich es auf diese Weise, nicht! Ihr Vater sprach neulich darüber, wie unbegreiflich es ihm ist, wie man sich in sozialen Netzwerken „zu treffen“ vermag und sich gleichzeitig darauf versteht, sich direkt aber aus dem Wege zu gehen. Wo wir schon mal beim Treffen sind, machen wir uns nicht zu leichtfertig zur Zielscheibe? Worüber beschweren wir uns, etwa über den Angriff auf unsere Daten oder wollen wir diesen Intimitätsverlust?
All die Jahre habe ich mich wortkarg gegeben und meinen Wortschatz in diese Zeilen ergossen. So habe ich die Notwendigkeit des sozialen Netzwerkens auf meine verlogene Weise überwunden. Die Entwöhnung wäre eine würdige Chronik wert gewesen. Das ist eine unbequeme Wahrheit, die man sehr sensibel häppchenweise herunterschlingen sollte, wenn man nicht an dieser schweren Kost pro Einheit ersticken will.

von Jens T. Hinrichs

Gemeiner Astroturf // Brief an _eine Freundin

Gemeiner Astroturf // Brief an keine Freundin

Meine gemeinen Briefe widme ich (k)einer Freundin, nennen wir sie Irony des _Chicksals, die sich von mir, ent(b)rüstet von meinen Annäherungsversuchen, mit den Worten „Habe noch eine schöne Zeit“, entgültig verabschiedete. Sie war nicht die Letzte aus meinen sozialen Zirkeln, von denen ich mich dann auch verabschiedete. Kaum erlöste ich mich von meinen Profilneurosen, machten mir jede Menge Fake-Frauen Unmengen an Avancen. Wie Sirenen einst Odysseus bezirpsten, versuchten sie mich zurück ins Milieu zu locken. Keiner dieser Dialoge sollte sich im Internet entfalten. Die Freizügigkeit von Internetzuhälterei nützt mir nix. Ich vergreife mich lieber an (k)einer realen Bordsteinschwalbe.

Gemeiner Astroturf // Alles eine Frage der Charaktere

Gemeiner Astroturf // Alles eine Frage der Charaktere

Das Kapitel Welle 2.0, eine sogenannte nutzerspezifische Enzyklopedia beziehungswaise den Wordschatz in Satyre – Wellish, widme ich meinen imaginären Charakteren und Nicht-Klarnamen: Ed Event und Eve Calendar. Beide dienen mir als Stellvertreter und als Maskottchen für weitere Er- und Entziehungsmaßnahmen, die die Menschheit bis dato zur Gesundung des verlorenen Menschenverstandes dringend nötig gehabt hätte.
Ihre Therapiemethoden sind das Lachen und das Schmunzeln, ihr Lohn ist Euer Aufschreien und Aufheulen. Anfangs werdet ihr für Ed & Eve nur ein Kopfschütteln übrig haben, doch dann wird es in ein permanentes Kopfnicken übergehen. Aber damit seid ihr noch nicht von soziopathischen Profilneurosen und Such(t)potenzialen geheilt, bedauerlicherweise bleibt es für diejenigen, die einmal ins vermeintlich soziale Netz geraten, ein dauerhafter Zustand. So könnte ich meine lebenslangen Chroniken auch gleich aller zukünftigen verlorenen Seelen widmen.
Aufopfern müsst ihr Euch, auch, für das Lesen meiner Chroniken; dafür müsst ihr dann doch Euren verbleibenden Verstand gebrauchen. Freut Euch auf Gechichten von Ed & Eve auf Karikat(o)ur.

Gemeiner Astroturf // Moral der unendlichen Geschichte 2

Gemeiner Astroturf // Moral der unendlichen Geschichte

Die zweite Chronik widme ich wieder einmal den Kindern meiner Schwester C., M. F. und
I. C.. Liebe Kinder, eure Eltern haben bereits Vorsorge getroffen, dass eure ersten Beweisaufnahmen und Gehversuche aus dem Internet verschwinden – das ist gut so. Zukünftig soll es, für eine ganze Weile jedenfalls, in ihren Händen liegen, dass Neuigkeiten über Euch in die Hände berüchtigter Netzwerker geraten.
So süß wie ihr auch seid, ihr habt auf keiner realen oder virtuellen Verpackung etwas verloren. Darin verpackt, übrigens auch nicht!
Die Fortschreibung meiner Wortausbrüche verdient nun wirklich das Prädikat „wissensfiltr“. Möge auch Gleichaltigen die Fortschreibung meiner unendlichen Geschichte ein unsozialer Maßstab sein. Ich bin guter Hoffnung, dass diese kritische Lektüre ebenso Teil oder, erst recht, Eins wird mit dem User-Generated Content.
Seid nicht so böse auf diesen Wortsalat, obwohl, es gäbe jede Menge guter Gründe dafür. Opfert dafür nur ein wenig Recherchezeit, verausgabt Euch nicht vergeblich für Flatrates. Gebt mehr Acht auf meine Lesezeichen. Zu meiner Zeit gab es subjektive Chroniken in dieser Form noch nicht. Aber seid gewarnt, früher oder später werdet Ihr meiner Wortversuchung oder dem Such(t)verhalten doch erliegen.

Ich hoffe, Ihr findet dank meines Lösungswegs jene Buzzkonsonanten, die die Qu_a(_)lität von Such(_)algori_hmen des öden Internet-hinein-Lebens annähernd beschreiben.