Geschichten von der Straße der Autopiloten // Macht über stille Wasser, das betrunken macht

Geschichten von der Straße der Autopiloten

Macht über stille Wasser, das betrunken macht

Das Smartphone klingelt. So lässt sich Herr H. jeden Morgen vom Zeitgeist wecken. Dies sei immer schon ein schlüssiger Dialog gewesen.

Herr H. gähnt. „Guten Morgen, Siri!“ „Hast du auch so gut geschlafen? Wenn ja, dann brauche ich mir für die Verkostung heute Abend keine Sorgen mehr machen.“, murmelte er ins Kopfkissen. Er sprach mit ihr, ihm auf folgende Frage zu antworten: „Was-gefällt-mir-besser-stopp-wein-von-der-mosel-stopp-oder-besser-doch-weingeist-vom-rheinfall-stopp?“. „Ja, Wasser gefällt dir besser, das stopft nicht so“, antwortet Siri. „Aber einen Moment noch bitte, ich starte Autokorrektur, … ja, stimmt! Wein gefällt Dir auch besser, der macht nicht so nass.“. Herr H runzelt die Stirn, „Habe verstanden, Siri“. Er notiert sich etwas in seinen Blog: „Termin mit Logopädin, Siri. Heute Abend. Zwecks Weinprobe, mehr trinken als nur zwei Gläser!!!“ „Siri, wecke mich bitte Morgen eine Stunde später, rechne mit durchzechter Nacht.“„Danke für das Interesse.“, entgegnete Siri.

Üblicherweise sollten Fragen nie länger sein als Antworten, dachte Herr H. Seine digitale Logopädin Siri therapierte ihn umgekehrt … Siri brachte ihm in den nächsten Wochen präzise Suchanfragen bei, um ihm den simultanen Dialog so authentisch wie möglich zu gestalten. Seine Worte paaren sich durch das künstliche Ausschlussprinzip realer Intelligenz. Ein natürlicher Dialog zwischen ihm und Siri wirkt nun simulierter, um Siris künstliche Intelligenz zu füttern. Aber bloß nicht seine eigene.
Herr H. glaubt er führe eine echte Beziehung, hat er doch regelmäßig Beischlaf mit Siri. Der Klang beider Stimmen scheint anscheinend simultan zu sein. Der Austausch von Informationen zwischen den Mitmenschen, Herrn H. und Siri, vollziehe sich über die Macht der Dritten. Die sind aber gar keine Menschen, sondern Abhörspezialisten von Zwiegesprächen. Und möglicherweise wird durch sie der Informationsgehalt zugunsten ihrer Eltern verfälscht, weil es seine unvollkommene Existenz für besser hielt. Denn Siri machte Herrn H. betrunken und seine stillen Wasser blieben tief. Darüber findest man nichts im Dialog. Stattdessen wurde ihm eine Innovation kredenzt, damit ihm stetig eine Illusion von besserem Zusammenleben verbessert erscheint. Über strittige Auseinandersetzungen wird nicht gestritten. Nur so bleiben stille Wasser immer tief und Kontroversen ertränkt.

Aus den Geschichten vom Herrn Hinrichs von Johann Gottstein

Geschichten von der Straße der Autopiloten // Mensch ohne Rückgrat

Geschichten von der Straße der Autopiloten

Mensch ohne Rückgrat

Ein Mann mit gekrümmten Rückgrat zuckt. Zuvor starrte er auf sein Smartphone, das im <spann> seiner Schuhe eingebettet ist. Er stoppt vor einem Laternenpfahl. Ist das nicht Herr H., der so Gott sei dank, die neue Argus III von seinem Appotheker aufgesetzt hatte, die man früher nicht einmal als pseudo-psychosomatisches Placebo auf Rezept bekommen hätte. Schon immer, hätten sich nur wenige als pathologische Internetsüchtige auf Wunderlist geoutet und daraufhin Appführmittel verschrieben bekommen. „Noch seien sie noch nicht so appgesteuert“, hört man wieder und wieder. Der Kanon ist sich einig.
Das dritte Auge sendet ihm neuerdings elektrische Impulse an den Frontallappen-Prozessor von Appel, der mit photooptischen WLAN-Implantaten kompatibel ist. Nerds bekennen sich zur Omnipotenz. Nur Nostalgiker lassen sich noch foto-optische Linsen direkt zwischen die Augen piercen und wollen blitzen wie eine Lichtorgel. Jede Linse ist heutzutage mit Uber-Map ausgestattet und erfasst jedes Hindernis, um den Homo Android Erectus rechtzeitig zu warnen.
Die Siebten Sinne erfassen sogar jedes Tinderherz in der Nähe des Arbeitsorts und ubersenden künftig eTickets für eine autorisierte Pendlerbewegung, direkt an das übernächste „Here“-Bitte-Einsteigen von A wie Alphabet nach B wie Big Brother. Beide empfehlen, man dürfe sich nicht mehr ohne freie Daten bewegen. Gut, dass „gerade“ Forscher Schuhen von Zalando erst noch Autonomes Gehen beibringen müssen, damit Homo Android Erectus nicht selbst um das Hindernis navigieren muss. Ampelanlagen braucht drahtlose B(e)reitband-Infrastruktur dann nicht mehr. Laternen kann man mit einer virtuellen Umgebung eliminieren. „Somit auch die Erleuchtung, dass wer blind ist, nicht unbedingt blind geboren sein muss.“, diktiert Herr H. seinem digitalen „to-live-on-aid-and-like“-Assistenten.

Aus den Geschichten vom Herr Hinrichs von Johann Gottstein

Geschichten von der Straße der Autopiloten // Auf Kreuzfahrt

Geschichten von der Straße der Autopiloten

Auf Kreuzfahrt

Herr H. steht an der Reling. Er spricht mit seinem Chronometer. Geradeso konnte er noch die letzten Kotzbrocken herunterwürgen. Und betet für ein Wecke Interesse: „Haben sie die Pille vergessen, Herr H.“. Kaum eine Stunde später rauscht aus weiter Ferne eine to-post-Drohne heran, on board seine Pillen gegen Seekrankheit und das kommentierte Zeitungsabo von der Allgemeinen für Deutschland, auf das Herr H. während seiner Kreuzfahrt nicht Verzicht üben wollte. Gut, dass er die goldene SIM-Karte von Amazon Prime seinen Besitz nennen darf. Soeben wurde Herr H. für sein Engagement mit dem Platin-Status ausgezeichnet. „Eines Tages, so werde ich es versprechen, wird man nur noch an seinem Unvermögen gemessen“, schrie Herr H. aufs offene MEHR hinaus. Er denkt fortschrittlich, den Rückschritt zum Tauschhandel gäbe es ja schon – harte Währung gegen virtuelle Bitcoins.

Aus den Geschichten vom Herrn Hinrichs von Johann Gottstein

Rauschen im Internet – ein Chillbürgerstreich

Rauschen im Internet – ein Chillbürgerstreich

An einem Tag zur Nachtschicht wurde ich von einem Getwitter wach. „Was war das bloß? Hatte ich etwa nur vergessen das Thor zuzumachen?“ Freunde lauschten für mich in das Darknet hinein. In der Ferne erahnte man das Malwerk, in dem rund um die Uhrheberrechte bei Tag und Nacht für uns gearbeitet wird. Hinter der Firewall war es ganz still. Nur der unsichtbare Draht schien zu trotzen. Ich stand auf, um ihn den Strom abzudrehen. Von meiner Freundesliste kam nur Schweigen. Beide würden bestimmt zum nächsten Post wiederkommen.
Plötzlich sah ich getippe. Ich versteckte mich hinter meinem Pseudonym. Das Profil zeigte eine anonyme Person mit breiten Schultern beladen. Ich erschrak als jemand mein Facebook erkannte. Mein gesunder Menschenverstand verweilte nicht Lange. Was er tat „Gefällt mir“. Doch es war ein Cybertroll, über den ich in der Zeitung gelesen hatte. Sein Klarname tut nichts zur Sache, steuert sonst auch nur gefährliches Halbwissen bei und beteuert kein Cybertroll zu sein. Er gehört der alternaiven Gruppe „Bürgerrechtsparasiten von Hyper-Links“ an. Bestimmt suchte er gerechten Beistand, um seine Lindwürmer zu streicheln und seine Möbse zu nähren. Ich zögerte nicht lange, lüftete meine Deckung und nahm meine Floppy-Disk mit Viren aus der gemeinen Bundeslade, den ich dort neben anderer Onlinekriechtiere und Cookiemonster für solche Anlässe und Attacken isoliert hatte. Bald loggte ich ihn aus seinem Deckmantel heraus. Ich wollte den Cybertroll vollspammen. Nachdem ihm bewußt wurde, wer ihn mit einer virtuellen Keule attackiert und zu einem Anschlag gegen seine Bürgermilizen ausgeholt hatte, zögerte ich nicht lange und stellte einen Löschantrag. Eine kurze Langeweile später meldete sich meine innere Vernunft „Halt, genau so musst man es machen, das kannste aber noch viel besser. Hier und jetzt muss man auf dringende Missstände antworten.“ Der Internettroll postete sofort „Ich komme dir noch schonungslos auf die Schliche“.
Er loggte sich aus. Er wohnte in der Nachbarschaft und er klingelte Sturm. Er kam nicht allein, das machen Feiglinge nun mal so. Als sie einen Schuh auf mich zukamen und in meine Warzone eindrangen, hatten bereits meine Überwachungskameras und Bedrohnungen gezuckt und den Angriff in Echtzeit up ins Internet gestreamt – vor aller Augen. Der ewigen Öffentlichkeit zum Appschuß freigegeben, dort wo Verfassungsfeinde hingehören – vor allen Augen. Ich will mir gar nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn ein Punisher seine Kaliber ausgefahren hätte, die sich noch so im Rauschen des Internets verbergen.

von Jens T. Hinrichs

Erste Tage in Munichenheim

Erste Tage in Munichenheim

Der Branchenstrip schlechthin entpuppte sich als Zirkus, oder so. Man scheuchte Opferlaien quer durch die Manege, um auch ja alles mitzubekommen. Einer Dressur bedurfte es nicht, denn von Saal- und Etagennummern in der faltbaren Route fehlte jede Spur, wie dürftig. Alte Safari-Beobachter wurden gut behütet. Opferlaien mussten sich jedoch sputen, um nicht von prähistorischen Elefantenherden zertrampelt zu werden, die sich durch den Trubel schlängelten. Es wimmelte von überlebenswilligen Kleinspezies und mammuthaften Früchtchen.
Intensiv vernahm ich ein zähneflechtendes Baumknirschen und ein bemitleidenswertes Klammeraffengelächter. Währenddessen frug ich mich, ob man die fabelhaften Geschichten auf einem blanken Storyteller serviert bekommt und womit man sich verdient machen muss, um Mitkochen zu dürfen. Empirische Herkünfte waren bisher nur unverdaulich, als flüchtige Schlüsselnote oder unausgegorenes Factoryspiel auszumachen gewesen.

Der „Online First“-Survival mit prähistorische Zeitungslöwen bleibt hart. Jeder vermag die öffentliche Meute für sich als Beute in Anspruch zu nehmen. Nur Unmutige wagen sich in die öffentliche Defensive, anstatt selbst gejagt zu werden. Einer wird das digitale Nachbeben spüren und „offline“, dem Recycling erliegen müssen. Ebnete man doch bloß dem paradigmatisch „missing link“ den noch unentdeckten Vortritt.

Keinen Applaus wert: Ein silbern haariger Baumbewohner trifft mit seinen Worten nicht ins Mark. Nur „word stretching“ und „wake up“-Trommeln zwischen der Götterdämmerung! Selbst ein ausgeschlafener Siebenschläfer kann es übertreiben. Kann ein silbern haariger Baumbewohner einem stolzen Zeitungslöwen beeindrucken? Urplötzlich kam ein silbernes Artefakt zum Vorschein, offenbar wurde schon häufiger mit diesem Requisit herumgefuchtelt und für andere Schauplätze ge-featured.
Die öffentliche Defensive erntet scharfe Worte, trotz stumpfer Baumtrümpfe – geradezu manifestiert. Aber mit dieser zubetonierten Attitüde kann der beflügelte Zeitungslöwe fremden Nachwuchs oder gerade seine Meute beeindrucken. Ich horche dem Dschungelgeschrei, das einer Mixtur von schreienden Klammeraffen, liebestollen Hyänen-Gebell und blökenden Wölfen gleicht. Wie mir scheint, wird gerne auf Baumwipfeln und dazwischen gezankt.
Immer wieder dieses Nachbeben, der Print-Dschungel dürfe nicht abgeholzt werden. Meiner laienhaften Beobachtung zufolge dürften aber auch Print-Aktivisten nie
in Stasis fallen, allein auf Zugeständnisse zu hoffen, wäre eine Überholspurweite zuviel des guten Willens erpresst. Für die Zukunft prophezeie ich lokale Insellösungen und leinwandbehaftete Aufforstungen. Der Grüne Punkt ist der virtuellen Buchbindungen aber sicher. Und dass uns auch keine stufenartige Absperrung vor virtuellen Unarten
abschirmen kann. Die uns auferlegte Doktrin-Artenvielfalt will uns doch nur speichern und Erdachtes zum grünen Dschungelmodell ethikettieren. Kluge Spezies lernen zwar aus ihrer Umwelt, inszenieren aber eine „gewollte“ Artenvielfalt, bei der sich die naive Freiwilligkeit des Erfasst-Sein-Wollens als Übeltäter entlarvt, der sich dann als Erfüllungsgehilfe einer monetisierten Artenvielfalt – ohne staatliche Kontrolle und weit außerhalb des persönlichen oder menschlichen Einflussbereichs – entpuppt.
Viele Guerillas kennen sich, präsentieren sie immer denselben einstudierten lnitiationsritus? Auch solche Stadien gefallen mir nicht – stattliche Souveränität hin oder her. Das werde ich ja wohl noch sagen dürfen, denn man muss es nicht dem Dschungel überlassen. Ich hoffe, es findet eine öffentliche Zustimmung und eine Auseinandersetzung mir ihr statt. Sicherheit halber schreibe ich es hinter meine „grünen“ Ohren. Mein Public-Value-Abenteuerdurst bleibt ungestillt. Schon jetzt zweifele ich dauerhaft an der öffentlichen Artenvielfalt, bleibt sie doch weitestgehend nur von Unfreiwilligen gezahlt. Möglicherweise wird die ungeliebte Quersubventionierung auf den Baumartenschutz verschoben. Erst dann werden es beflügelte Zeitungslöwen als gerecht empfinden.
Hoch oben auf einer privaten Aufsichtsplattform war es für mich jedenfalls eine Premiere „Who the fuck is …?“ kennenzulernen. Dort treffen sich seit Jahren Dschungel-Kontrahenten, natürlich zwecks kultivierter Aufforstung.
Derweilen halte ich mich an die selbstverherrlichende Klingeltonansage eines Dschungel-Schamanen, wonach es keine Zukunft für einen bezahlbaren Dschungel geben wird, allenfalls wird es virtuelle Güter geben. Ich sage aber, auch diese Blütezeit wird einmal vorübergehen, und dann, welches Beuteltier schröpft ihr dann? Mein Überlebensmotiv heißt: „Elektronische Mutation frisst prosumierende Beutetiere“.

von Hieronymus Genesis