Geschichten von der Straße der Autopiloten // Mensch ohne Rückgrat

Geschichten von der Straße der Autopiloten

Mensch ohne Rückgrat

Ein Mann mit gekrümmten Rückgrat zuckt. Zuvor starrte er auf sein Smartphone, das im <spann> seiner Schuhe eingebettet ist. Er stoppt vor einem Laternenpfahl. Ist das nicht Herr H., der so Gott sei dank, die neue Argus III von seinem Appotheker aufgesetzt hatte, die man früher nicht einmal als pseudo-psychosomatisches Placebo auf Rezept bekommen hätte. Schon immer, hätten sich nur wenige als pathologische Internetsüchtige auf Wunderlist geoutet und daraufhin Appführmittel verschrieben bekommen. „Noch seien sie noch nicht so appgesteuert“, hört man wieder und wieder. Der Kanon ist sich einig.
Das dritte Auge sendet ihm neuerdings elektrische Impulse an den Frontallappen-Prozessor von Appel, der mit photooptischen WLAN-Implantaten kompatibel ist. Nerds bekennen sich zur Omnipotenz. Nur Nostalgiker lassen sich noch foto-optische Linsen direkt zwischen die Augen piercen und wollen blitzen wie eine Lichtorgel. Jede Linse ist heutzutage mit Uber-Map ausgestattet und erfasst jedes Hindernis, um den Homo Android Erectus rechtzeitig zu warnen.
Die Siebten Sinne erfassen sogar jedes Tinderherz in der Nähe des Arbeitsorts und ubersenden künftig eTickets für eine autorisierte Pendlerbewegung, direkt an das übernächste „Here“-Bitte-Einsteigen von A wie Alphabet nach B wie Big Brother. Beide empfehlen, man dürfe sich nicht mehr ohne freie Daten bewegen. Gut, dass „gerade“ Forscher Schuhen von Zalando erst noch Autonomes Gehen beibringen müssen, damit Homo Android Erectus nicht selbst um das Hindernis navigieren muss. Ampelanlagen braucht drahtlose B(e)reitband-Infrastruktur dann nicht mehr. Laternen kann man mit einer virtuellen Umgebung eliminieren. „Somit auch die Erleuchtung, dass wer blind ist, nicht unbedingt blind geboren sein muss.“, diktiert Herr H. seinem digitalen „to-live-on-aid-and-like“-Assistenten.

Aus den Geschichten vom Herr Hinrichs von Johann Gottstein

Autor: Johann Gottstein

Pseudonym. Bürgerlicher Name und Wohnhaft des Schriftstellers unbekannt. Es sind nur wenige Details bekannt, zum Beispiel blonde Perücke, blaue Augen, vermutlich Brillenträger und dunkler Hauttyp. Vermutlich meist gesuchter Stereotyp im Internet.