Kolumne // Apropos Drahtseilakt

Kolumne // Apropos … Daumen!

Apropos Drahtseilakt

von Jens T. Hinrichs

Babbelrina balanciert auf dem Drahtseil, darunter hat man für sie ein Netz gespannt. Viele wissen, ohne ein gespanntes Netz ist es spannender für die Follower. Sollte man also das Netz entfernen, damit die Spannung im Leben wieder steigt?
Auch das balancierte Leben, dass auf und vom Drahtseil hängt wäre wieder spannender; nur weniger für die, die vom Netz abhängig sind.
Doch was sagt uns diese Momentaufnahme? Mit den ersten Tritten des Balanceakt erhascht unsere Babbelrina ein gewissenhaftes Raunen im Publikum. Mit jedem nächsten Tritt starrt das Publikum ein wenig MEHR auf die Protagonistin.
Sollte sie die Balance verlieren und ins Netz hinabstürzen, stirbt ihre Aufmerksamkeit einen qualvollen Tod. Aus heiterem Himmel dann ein urplötzlichen Taumeln. Geradeso oder mit frontaler Absicht, gelingt es ihr das Publikum bei der Stange zu halten.

Bis zum Ende muss sie nicht nur die Herrschaft über das Drahtseil zurückzuerlangen, sondern auch die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich lenken.

Wider Erwarten blickt sie hinab auf das gebannte Publikum. Sie taumelt, verliert für einen Augenblick die Balance und ehe sie sich mit dem Publikum versöhnt stürzt sie wie einstudiert hinab. Enttäuschende Schreie im Publikum, das entwöhnt die Arena verlässt.
Hätte sie doch bloß nicht das Netz gespannt, in dem sie nun eingebettet lag. Sie versucht die Schmach mit gesunden Menschenabstand zu ertragen, mit einem mechanischen Lächeln, aber trockenen Tränen im inneren Antlitz.
Aber nun mal ehrlich; wäre ihr Leben, das am dünnen Drahtseil hing spannender gewesen oder hätte sie sich nur ihrem Publikum zuliebe ohne Netz vor der momentanen Schmach geschützt? Doch sie hat überlebt, trotz der Schmach, die sie dem Netz verdanken muss. Gott sei Dank! Womöglich sollte man sich auch nicht zu sehr darauf fokussieren, was das Publikum bewegt.

Autor: en bloc thesis

Jens T. Hinrichs, Journalist, a.D. (außer Dienst) und Selbstverlag (dauerhaft geschlossen). Glaube fest an den Grundsatz “The answer how to question something is whistleblowing. The rest will be killed by free speech.”