Kolumne // Apropos Selbstfindung im Internet

Kolumne // Apropos … Daumen!

Apropos Selbstfindung im Internet

von Johann Gottstein

Neulich stolperte ein Kollege über das volkswirtschaftliche Axiom: „Umsatz rauf, Kosten runter.“ – zwei Extreme, unvereinbar, so bewertete er es. Weshalb hängen – insbesondere in Kleinverlagen – solche Motivationssprüche nur an Pinnwänden, online sind sie nicht zu finden. Manchmal glaub‘ ich, hier ist eine Unternehmenskirche am Werkvertrag beteiligt.
Damit ist es nicht genug, in Arbeitsvertragsklauseln stehen dann Formalien wie „Überstunden gelten als abgegolten“, auch so kann man Kosten senken, indem man Menschen einfach nicht mehr am Produktivitätsfortschritt partizipieren lässt.
Gerne redet man aber noch von Provisionen und Unternehmensbeteiligungen, die nicht verbrieft sind; man muss halt darauf vertrauen. Diese Form der Motivation ist halt auch eine gewollte Innovation. Solche „Absprachen“ kann man ja zurücknehmen, auch dafür gibt es Klauseln. Und gegen verbriefte Klauseln kann man sich nicht wehren, weil man sonst Gefahr läuft, sein Lob im Kleinunternehmen ohne Kündigungsschutz zu verlieren. Trotz schwammiger Klauseln haben Kleinunternehmen oder outgesourcte Unternehmensteile, ohne eigene und ständige Belegschaft, das Unrecht gepachtet. Dagegen ist kein Arbeitsrecht gewachsen. Selbst gegen das ordentliche Kündigungsrecht vorzugehen, tut man vergeblich, denn in der ersten Instanz ist es immerhin für beide Seiten lieb und teuer.
Nur so am Rande: Gewinner sind die Anwälte, deren Bezahlung ist gesichert und die Judikative spart sich langfristige Arbeitsprozesse, denn dort wo heutzutage Bürokratie kraft Gesetz nicht mehr entsteht, spricht man auf europäischer Ebene von Bürokratieabbau. Viele Oppositionelle, dagegen, halten es für einen Abbau des Sozialstaates, nur nicht ganz so schlimm, weil es in Raten geschieht.
Auch dieses Spiel des Lebens ist so gewollt, und beginnt, gespickt mit funktionellen Anekdoten in Stellenangeboten (sprich Marketingclaim). Wann erkennen Verantwortliche endlich, das Stellenangebote als billiges Instrument für Performance-Marketing missbraucht werden? Warum sonst, sprießen solche Portale wie Pilze aus dem Boden? Etwa wegen des Fachkräftemangels? die Frage ist hierbei nur, wie ist dieses Unternehmensziel denn definiert? Etwa so: „Lohn nach Vereinbarung“, obwohl es Tarifverträge gibt, denn die finden ja keine Anwendung, denn nach Berufen sucht man nicht mehr, sondern nur noch nach Menschen, die funktionieren sollen.
Es soll ja schon Ausnahmefälle gegeben haben, wo Projektleiter 60 Prozent unter dem Tarif eines Verwaltungsfachangestellten verdient haben, nur weil es im Kleinunternehmen ohne Kündigungsschutz hieß, man müsse ja den Arbeitsplatz erst schaffen. In zwiespältiger Manier muss man sich verdient machen, sobald man dies aber belegen kann, beweist sich der Aberglaube. Argumente wie diese und andere werden angeführt, wenn man Eingliederungszuschüsse kriegen will. Dem Stellensuchenden nützt das Angebot nicht viel, der wird dann bei Ablehnung im Unternehmen lediglich als Feedback gezählt; der Einzelplanerfüllungskennzahl „Score“ auf der dafür gewidmeten Balance Score Card sei dank. Schön, dass es Controlling und Kennzahlen für jeden Einzelplan gibt, noch vermischt man das mit der Zielerreichung in der Demokratie, aber eigentlich steckt die Planwirtschaft dahinter. Je fundierter und kleinteiliger die Controllingmechanismen sind, desto stabiler auch der Neo-Kommun(al)ismus. Letzteres eine sogenannte Deafinition, eine Erklärung, bei der man besser die Scheuklappen auf die Ohren klappen sollte.
Und hinter dem Tarnkappenbombardement, für meinen Kollegen, der Journalist ist – und Ersatzleistungsbezieher, aber mehr als offensichtlich, Arbeitnehmerüberlassungen und Zeitarbeitsunternehmen. Welchem Bewerber nützt in diesen beiden Fällen schon ein Vermittlungsgutschein? Vermutlich fungiert der Bewerber hier (nur zu gerne hätte ich „hier“ ein Beispiel verlinkt) als Subventionsgehilfe; aber wie soll man sonst eine förderale Dienstleistungsplattform fördern und einen Stellensuchenden fordern, wenn es solchen Unternehmen von selbst nicht gelingt, auf einem gefakten Dienstleistungsmarkt Fuss zu fassen oder am künstlichen-intelligenten Wachstumspol anzudocken.
Manchmal fühlt sich mein Kollege aber durch diese Schnittstellen recht gut unterhalten. Da werden Tastaturexperten und Datenerfasser gesucht, dass wäre doch ein treffendes Argument für die New Economy, die in Einzelblasen immer noch zerplatzt, solange man uns Unterhaltungswerte und Public-Value zu schenken gedenkt. „Das macht Spaß und vermutlich deshalb gilt die Zumutbarkeit immer als erreichbar, schwer zu verklagen, diese soziale Bedrohung ist.“, so formuliert es gemeiner Kollege.
Düster erinnert er sich: „Und was einst ein Vermittlungsskandal war, mithilfe von Fluktuation – über unter unter 7 Tage die Woche – Einschaltungsgrade zu manipulieren, das ist seiner subjektiven Ansicht nach, ein für ihn dienliches Unterhaltungprogramm“. Die gemeineTeilhabe kann ich dennoch nicht als Eigenbemühung (ent-)gelten.
Aber was weiß mein Kollege, denn schon, der kann ja gar nicht schreiben; deshalb übernehme ich. Ich gebe ihm aber Recht, da es im Internet nicht darauf ankommt, was man sagen will, sondern anderen die Redefreiheit überlassen sollte. Mein Kollege will nur seine Gedanken als „Open Source“ und Testament für die freie Meinungsveräußerung hinterlassen. Ich vertrau‘ ihm mal, das er es ohne kommerziellen Hintergedanken tut, schlicht aus purem Alter-Egoismus.
Mein Gespür sagt mir, dass viele ihr Recht auf Selbstverwirklichung auch weiterhin der Gier nach Selbstverherrlichung anderer unterordnen müssen, irgendwie fühlt sich mein Kollege zurecht unterjocht. Aber auch ich fühle mich zugleich zuhause, in diesem Interpretationsspielraum.
Aber, dennoch wiegen noch so reine subjektive Empfindungen nunmal nicht so schwer wie objektive Arbeitsmarktzahlen. Für solche Interpretationen gibt in der Solidargemeinschaft keinen Platz, denn diese Interpretation ist nur der monopolistischen Polit-Elite vorbehalten und nicht den gesellschaftlichen Marionetten! Ausnahmsweise, vergebe ich meinem Kollegen diese subjektive Meinung und spendiere ihm einen IP-Platz.

Autor: en bloc thesis

Jens T. Hinrichs, Journalist, a.D. (außer Dienst) und Selbstverlag (dauerhaft geschlossen). Glaube fest an den Grundsatz “The answer how to question something is whistleblowing. The rest will be killed by free speech.”