Kolumne // Apropos „Zäsur fürs Internet“

Kolumne // Apropos … Daumen!

Apropos „Zäsur fürs Internet“

von Jens T. Hinrichs

Meine Nebenwirkungen auf das Internet verstärken sich Tag für Tag. Jeder Bissen im Internetcafé, auf Meinungssülze und Süßholzgeraspeltes, sogar auf USB-Kabel und Mäusen verursachen nicht nur Kochschmerzen oder Hall-o-zinationen. Großes Übel verursacht mir unaufgeforderte Posts auf die Neues10 Updates oder Aufforderung, mich anzupassen – habe ich hier den buchstäblichen Haken fehlgedeutet. Ohne einen Haken zu setzen, läuft man fast schon Gefahr nicht mehr kommunizieren zu müssen.

Unterschiedliche Programmversionen zwischen Empfänger und Sender bergen ein solches Risiko und verzerren das getaggte Meinungsbild. Schnell wird es dann nicht mehr vollständig in heimischen Gefilden angezeigt, weil sich womöglich irgendein Proclaimer für den Größten hält.

Mit steigenden Nebenwirkungen werden meine Nerven überbeansprucht. Sollte ich auf manuelle Anpassungen verzichten oder einfach nur den Such(t)algorhythmus für mich sprechen lassen? Es wird doch Tag für Tag immer schwieriger für mich, den „Ausschalter“ überall zu drücken, wo er sich verbirgt – hinter verallgemeinerten Nutzungsbedingungen und vermeintlichen Datenschutzvorschriften. Sehe ich den „Ausschalter“ überhaupt noch oder sollte ich doch vielerorts nach einem verborgenen Scrollbalken oder deaktivierten Voransicht Ausschau halten? Ach so, könnte auch möglich sein, dass diese Funktionen mir nur noch ein weiteres Grabscherlebnis bescheren. Täte man dies mit Bildern, dann könnte man dies mit „sexueller Belästigung“ in einen künftigen Internetstrafenkatalog hineinschreiben; bloß das nicht.
Oder so zu einer Emanzipation gelangen: „Instagram löscht Bilder von einer Frau, die ihre Tage hat!“ Worauf sich die Betroffene, Rupi Kaur (https://instagram.com/rupikaur_/,) zu Wort meldet, dass sie mit einer Foto-Serie nur den Menstruationszyklus dokumentieren wollte. Ohne diesen Zusatz wäre bei mir der Eindruck entstanden, sie sei an diesem Tag zweifach betroffen und fühle sich ihrer Emanzipation beraubt. Es gibt in der Tat, für sie einen versesseneren Grund Fotos zu löschen, vor allem von Männern, die üppige Hinterteile von Frauen zeigen, die nur spärlich bekleidet sind.

Selbst in meiner versendeten Mail, können manche mich nicht als bekannten Empfänger identifizieren. Bevor sie zur eigentlichen Botschaft gelangen, stolpern sie zunächst über meine verborgenen Adress- und Betreff-Zeilen – das schafft vertrauen.
Bei jeder Nebenwirkungen mutiere ich immer mehr zum Nerd, früher hatte sich doch ein Techniker darum gekümmert. Ich laufe Gefahr, dass die nervigen Spielereien meine kreative Schreibarbeit für das Internet verbessern.
Es ist gut, dass ich das mal sagen durfte und aus diesem Partikel ein PDF machen kann. Es ist gut, dass ich auch andere Partikel in das Internet fracken kann, in der Hoffnung, diese Wahrheit würde eines TAG wieder zurück in die Oberflächenrealität gespült.

Im Prinzip will ich nicht dauernd aufgefordert werden, mein Interesse zu wecken und die noch nicht ganz so perfekten Borgimplantate appzugraden, die doch nur meinen kognitiven Geist assimilieren wollen. Bevor ich nicht mein gemeines Potential voll erschöpft habe – und auch das meiner bisherigen Programme –, will ich, Tag für Tag, den „Mainstream“ einfach ignorieren, so wie die über manche Schnappschüsse, für die man eigentlich Schnapsverbote erteilen sollte. Vielleicht gelingt mir die Perfektion mit ein wenig mehr #.

Im Prinzip geht mir auch der übrige Interaktivitätszirkus auf die Ostereier. Bei vielen Medientrommeln schleicht sich immer wieder eine Botschaft ein, überall dirt (schmutzig, oder besser: dort), wo ich gerade eine Nachricht lese, teilt ein Interaktionsalgorhythmus mit, dass ein anderer Partikel auch interessant für mich sei, bloss weil der aktuell gelesene Partikel ähnliche TAG-Kompositionen enthält.

Aus diesem Grund schreibe ich meine sozio-ökonomischen Interaktionstheorien nieder, weil der gegenwärtige Internetmissbrauch völlig verantwortungslos ist. Oder so: Denn schon infiltrieren soziale Netzwerke via Cloud, tragen über eine Tunnellösung „Bitte Software aktualisieren“ in meinen Kalender ein. Früher gab es nur bei Menschen, die mich kannten, einen schlichten Eintrag „Geburtstag, Jens T. Hinrichs“. Oder so. Habe ich das Thor irgendwo sperrangelweit offen gelassen oder einfach nur das übelste Kleingedruckte gar nicht erst gelesen und übersprungen? Halten Feinde wieder in Dosen zusammen und schieben Milliardensummen an Shareholder vorbei – oder war es doch nur der Fies-kus?

Das kommt davon, wenn man Interaktionsalgorhythmen als wesentlich intelligenter einschätzt als eine demokratische Solidargemeinschaft, die im übrigen auch aus konservativen Internetnutzern und Bürgerrechtlern besteht. Eine solche Haltung ist auf Dauer völlig verantwortungslos.

Am Ende dieses Partikels komme ich zu folgendem Schluss, das Internet ist verstört, weil es

  • den Aberglauben an die Unfehlbarkeit von Such(t)algorhythmen stärkt;
  • die Arroganz von Internetkartellen, wie bitte Wunschname eintragen mit jedem TAG aufs Neue nährt;
  • die Anmaßung von Jens T. Hinrichs ist, an meiner Stelle entscheiden zu können, dass eine Erzählung wie „Zäsur im Internet“ geschrieben werden musste und deshalb offline gehört;
  • den Aberglauben infrage stellt, das Internet und seine Komparsen wären innerhalb weniger Minuten installierbar, implementierbar und interpretierbar oder sogar infiltrierbar;
  • den Aberglauben nährt, dass Online-Marketing zweistellig wächst, weil man Etats ständig aufplustern muss, mit Kampagnen bestreiten und begleiten muss;
  • den Aberglauben verstärkt, Autovervollständigungen, Cookies und anonyme Surffunktionen seien inkognito und hilfreich, weil künstlich intelligent genug, um Bedrohungen zu vermeiden;
  • den Aberglauben nährt, Apps seien eigentlich keine selbstverherrlichenden Programme, sie automatisch einzubauen, sei schlicht gebräuchlich und unterstellt;
  • meine Zuversicht stärkt, sobald ich mal eine Liste sämtlicher Funktionen aufstelle und dann alles Unwichtige streiche, ein zensiertes Internet übrigbliebe, das ebenso als ein brauchbares Informationsmedium tauglich wäre.
  • Inzwischen habe ich bei all dem „Mainstream“ unterschlagen, dass ich auch Interaktionen für käuflich halte – spätestens seit der Übernahme von Instagram und WhatsApp durch Facebook.

    Autor: en bloc thesis

    Jens T. Hinrichs, Journalist, a.D. (außer Dienst) und Selbstverlag (dauerhaft geschlossen). Glaube fest an den Grundsatz “The answer how to question something is whistleblowing. The rest will be killed by free speech.”